Es ist ein Tag der Trauer, des Mutmachens, des Zuhörens, aber auch der Versprechen: Am fünften Jahrestag der tödlichen Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Ahrtal der Opfer der Flutnacht vom Juli 2021 gedacht und die Konsequenzen daraus hervorgehoben. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) bat im Beisein von Merz bei der zentralen Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz von Bad Neuenahr-Ahrweiler die Menschen für das Versagen des Staates um Entschuldigung und erntete dafür Applaus. Kanzler Merz sicherte in seiner Rede vor rund 1.000 Menschen allen von Natur- und Klimakatastrophen bedrohten oder betroffenen Menschen Unterstützung zu. «Ich möchte es mit Nachdruck sagen: Kein Mensch, keine Stadt, keine Region darf und soll in unserem Land alleine bleiben mit der Furcht vor Katastrophen und Naturgewalten, mit der Furcht vor den Folgen des Klimawandels, den wir erleben», sagte er. Steinmeier, der zuvor in der Kapelle des Friedhofs in Ahrweiler einen Kranz niederlegte, sagte: «Dieser Tag ist auch ein Auftrag an uns alle, mit unseren Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass Hochwasserkatastrophen mit den Folgen, wie wir sie hier erlebt haben, sich möglichst nicht wiederholen.» Die Flut in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen war eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der jüngeren deutschen Geschichte. Nach tagelangem Starkregen verwandelte sich vor allem die Ahr in ihrem engen Tal in eine verheerende Sturzflut. Mindestens 136 Menschen kamen in Rheinland-Pfalz ums Leben, 49 in Nordrhein-Westfalen. Mehrere Hundert wurden verletzt. Eine Person aus der Ahr-Region gilt bis heute als vermisst. Viele Überlebende kämpfen noch immer mit psychischen Folgen. Der Staat habe damals sein Versprechen nicht eingehalten, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen, sagte Ministerpräsident Schnieder. «Der Staat hat in dieser Frage und in dieser Nacht versagt.» Fehlbarkeit habe dazu geführt, dass das Ahrtal nicht auf diese Katastrophe vorbereitet gewesen sei. Schnieder war zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe CDU-Landtagsabgeordneter. Sowohl Schnieder als auch der Bundespräsident waren am Vormittag bei der Eröffnung der Fotoausstellung «We Ahr Strong. Fünf Jahre, ein neuer Blick» in Altenahr im Kreis Ahrweiler. Sie zeigt Porträts von Menschen aus der Region und erzählt unter anderem, was ihnen in der schweren Zeit geholfen hat, worauf sie stolz oder welche Zukunftsvisionen sie haben. Der 89-jährige Eberhard Schimanski aus Ahrweiler erzählte: «Alles, was ich geliebt habe, ging in dieser einen schrecklichen Nacht verloren.» Seine Frau sei ihm in einer Flutwelle aus den Armen gerissen worden. Mittlerweile blickt er mit Zuversicht in die Zukunft. «Mir ist das Leben noch mal geschenkt worden, nach fünf Jahren nach dieser Flut.» «Fünf Jahre später ist der Schmerz und das Leid nicht vergessen», sagte Steinmeier. «Aber wenn wir hier sind, dann erinnern wir nicht nur an den Ort einer Katastrophe, sondern auch an einen Ort, der ein beeindruckendes Maß an Solidarität erfahren hat.» Die Flut miterlebt hat die parteilose Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand. Damals war sie noch Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr. Die Ausstellung zeige, dass von der Flut mehr geblieben sei als Zerstörung. Und doch: «Manche Verluste sind unersetzlich.» Sie bat den Bund um Öffnung der Aufbauhilfefonds für Hochwasserrückhaltebecken. Allein zwölf Menschen waren in der Flutnacht in der Lebenshilfe in Sinzig ums Leben gekommen. Am späten Nachmittag besuchte Schnieder das neu renovierte Haus der Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung am Unterlauf der Ahr. «Das war die schlimmste Nacht, die ich je in meinem Leben erlebt habe», berichtete Carola Körbel, die damals in der Einrichtung wohnte. «Einer der gestorben ist, ist mein bester Freund gewesen.» Das Wasser sei so hoch gewesen, sagte sie und zeigt mit ihrer Hand eine Höhe über ihrem Kopf. Nach der Flut wurden Reformen im Katastrophenschutz angestoßen, darunter ein Sirenen-Förderprogramm und die Einführung von Cell Broadcast als Warnsystem. Damit können Warnmeldungen direkt an alle Mobiltelefone gesendet werden, die zu einem Zeitpunkt in einem bestimmten Gebiet im Netz sind. In Rheinland-Pfalz entstand in der Folge unter anderem auch ein neues Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz. Merz betonte, es sei Pflicht staatlicher Organisationen, Vorsorge zu treffen, wo Gefahren die Vorsorgekraft des Einzelnen übersteigen würden. In den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten erwarte man zu Recht, dass die Bundespolitik über die Aufbauhilfefonds hinaus ihren Anteil an der Unterstützung der Betroffenen leiste.Merz spricht von Pflicht staatlicher Organisationen
Mindestens 136 Tote alleine in Rheinland-Pfalz
Ausstellung zeigt Porträts von Menschen aus der Region
Schnieder bei Lebenshilfe in Sinzig
Katastrophenschutz besser aufgestellt
Bildnachweis: © Boris Roessler/dpa
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Merz beim Gedenken im Ahrtal: Keinen allein lassen
Wo Kanzler, Bundespräsident und Ministerpräsident sprechen, rissen vor fünf Jahren Wassermassen Menschen und Häuser mit. Merz, Steinmeier und Schnieder richten beim Jahrestag den Blick auch nach vorn.
Meistgelesene Artikel
Giftige Gase im Hotelpool: Mehr als 60 Gäste, darunter Kinder und Senioren, landen nach dem Schwimmen in der Klinik. Wie konnte das passieren?
Vor einem Jahr verunglückte die Biathlon-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier im Karakorum-Gebirge. Familie und Freunde begehen den Todestag in aller Stille - in Erinnerung an Dahlmeiers Lebensfreude.
Tagsüber wird beim Christopher Street Day ausgelassen gefeiert, am Abend gibt es bei einem Angriff eine Tote und viele Verletzte. Was bisher über den mutmaßlichen Täter bekannt ist.
Neueste Artikel
- 12. August 2026
Mindestens 44 Tote bei Bootsunglück in Simbabwe
Eine überfüllte Fähre kentert auf dem Karibasee in Simbabwe. Mindestens 44 Menschen sterben. Die Suche nach Überlebenden läuft weiter.
- 12. August 2026
Lava-Spektakel, aber Reisechaos: Ätna legt Catania lahm
Der Ätna kommt nicht zur Ruhe und der Flughafen Catania bleibt dicht: Für zahlreiche Urlauber wird das spektakuläre Naturschauspiel zum Alptraum. Lange Schlangen und gestrichene Flüge sind die Folge.
Weitere Artikel derselben Kategorie
- 12. August 2026
Mindestens 44 Tote bei Bootsunglück in Simbabwe
Eine überfüllte Fähre kentert auf dem Karibasee in Simbabwe. Mindestens 44 Menschen sterben. Die Suche nach Überlebenden läuft weiter.
- 12. August 2026
Lava-Spektakel, aber Reisechaos: Ätna legt Catania lahm
Der Ätna kommt nicht zur Ruhe und der Flughafen Catania bleibt dicht: Für zahlreiche Urlauber wird das spektakuläre Naturschauspiel zum Alptraum. Lange Schlangen und gestrichene Flüge sind die Folge.

