18. Mai 2026 / Aus der Welt

Drogenkrieg in Marseille – Prozess gegen Clan-Chef startet

Kugeln in Schulen, Tote auf dem Bürgersteig, Polizei unter Verdacht: Der Prozess gegen «die Katze» zeigt, wie tief der Drogenkrieg in Marseille das Leben der Menschen verändert.

Der Verteidiger des mutmaßlichen Clan-Chefs wirft der Polizei vor, seinen Mandanten mit unlauteren Methoden abgehört zu haben.
Veröffentlicht am 18. Mai 2026 um 16:46 Uhr

Immer wieder fallen in Frankreichs Hochhaussiedlungen Schüsse, meist junge Leute sterben im Krieg der Drogenbanden und Pariser Politiker versprechen den erschütterten Anwohnern ein hartes Durchgreifen. Besonders schlimm ist es in Marseille, wo der Prozess gegen einen der mutmaßlich größten Drogenkriminellen Frankreichs begonnen hat.

Angeklagt sind der mutmaßliche Chef des Yoda-Clans, Félix Bingui, alias «die Katze», sowie 19 weitere Männer und Frauen. Sie sollen in einen skrupellosen Kampf mit der DZ Mafia um die Vorherrschaft über den Drogenhandel in der Hafenstadt verwickelt gewesen sein. Den Angeklagten werden Drogenhandel, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche vorgeworfen. Ihnen drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Zugriff in Marokko

«Dieses Netzwerk, das als Yoda-Clan bekannt ist und als äußerst gut strukturiert und organisiert gilt, hat sich insbesondere im Revierkampf mit dem konkurrierenden Netzwerk der DZ Mafia einen Namen gemacht», teilte die Staatsanwaltschaft mit. Bingui, den die Fahnder «zweifelsfrei» für den Clan-Chef halten und der zwischen Frankreich, Marokko und Dubai pendelte, wurde im März 2024 in Marokko festgenommen und 2025 an Frankreich ausgeliefert. 

In einem extra für die schlimmsten Drogenkriminellen des Landes neu geschaffenen Hochsicherheitsgefängnis wartete der Franko-Kameruner (36) auf seinen Prozess. Vor Gericht erschien er mit kahl rasiertem Kopf und schwarzem Sweatshirt und verfolgte den Prozessauftakt mit konzentrierter Miene, wie die Zeitung «Charente Libre» aus dem Gerichtssaal berichtete. «Die Katze», so der Spitzname des Hauptangeklagten, hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen.

Bereits seit vielen Jahren liefern sich Drogenbanden in Marseille einen erbarmungslosen Kampf, wobei es regelmäßig zu skrupellosen Abrechnungen kommt. Allein 2023 kamen dabei 49 Menschen ums Leben, außerdem gab es 118 Verletzte, darunter 18 Minderjährige. Regelmäßig erklärt die Politik dem Drogenhandel den Krieg und geht mit einem massiven Polizeiaufgebot gegen die Dealer vor, bisher ohne dauerhaften Erfolg.

Beispiellose Sicherheitsvorkehrungen

Der Prozess in Marseille startet unter beispiellosen Sicherheitsvorkehrungen, die den Schutz der Prozessbeteiligten garantieren sollen, aber auch den Willen des Staates zur Eindämmung der ausufernden Drogenkriminalität unterstreichen. Die Einwohner der Hochhausviertel in Marseille und Städten wie Nizza, Nîmes oder jüngst in Nantes beklagen immer wieder, der Staat lasse sie mit ihren Problemen im Stich. Kugeln schlagen auch in Schulen ein oder töten völlig Unbeteiligte, wie etwa eine Studentin, die auf ihrem Zimmer für die Uni lernte, oder einen kleinen Jungen im Auto seines Onkels.

Zu einem frankreichweiten Sturm der Entrüstung kam es im November vergangenen Jahres, als Drogenbosse den Bruder eines bekannten Kritikers der Rauschgiftkriminalität in Marseille mutmaßlich zur Einschüchterung erschießen ließen. Hinter der Tötung könnte als Auftraggeber der Chef der mächtigen Drogenbande DZ Mafia stecken, berichtete die Zeitung «Le Parisien» unter Verweis auf die Ermittlungen.

Drogenfahnder selbst im Fokus von Ermittlungen

Für Schlagzeilen sorgte aber auch die Polizei selbst. Im Skandal um eine erst von der Polizei überwachte und dann verschwundene Lieferung von 400 Kilo Kokain, die «Opération Trident», wurde im vergangenen Jahr ein Ermittlungsverfahren gegen die Chefin der Drogenfahndung in Marseille und ihren Stellvertreter eingeleitet. Zwei weitere Drogenfahnder aus der Hafenstadt wurden festgenommen.

Die Drogenfahndung hatte nach einem anonymen Hinweis eine Lieferung von 400 Kilo Kokain aus Kolumbien in den Großraum Paris überwachen wollen, um an den Drahtzieher zu gelangen. Der Großabnehmer trat anders als erwartet nicht auf den Plan. Nach Medienberichten soll das Rauschgift unter Beteiligung von Informanten der Polizei verkauft worden sein.

Und der Verteidiger von Félix Bingui stellte zum Prozessauftakt den Verdacht in den Raum, dass drei der Fahnder, gegen die im Zusammenhang mit der «Opération Trident» ermittelt wird, Abhörmaßnahmen gegen seinen Mandanten «außerhalb jeglichen Rechtsrahmens» durchgeführt hätten. Der Verteidiger Philippe Ohayon beantragte, zunächst erfolglos, dass diese drei Beamten vor Gericht vernommen werden.


Bildnachweis: © Gabriel Bouys/AFP/dpa
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