Im Süden Australiens fahnden Hunderte Polizisten seit Tagen nach einem schwer bewaffneten Gewalttäter, der mehrere Beamte erschossen und danach die Flucht ergriffen hat. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass sich der Schütze in der Wildnis versteckt hält und rechnen ihn den selbst ernannten «Sovereign Citizens» zu - einer ideologischen Strömung, die mit den deutschen «Reichsbürgern» vergleichbar ist. Spezialeinsatzkräfte der Polizei durchkämmen rund um die Uhr das Umland eines abgelegenen Landguts im Bundesstaat Victoria, wo vor einer Woche die tödlichen Schüsse fielen. Eigentlich wollten zehn Beamte der örtlichen Polizei am Dienstagvormittag einen Haftbefehl vollstrecken, der gegen den 56-jährigen Desmond Filby vorlag - dabei ging es um Sexualdelikte. Als sie ihn etwa 300 Kilometer nordöstlich von Melbourne auf seinem Grundstück nahe der Ortschaft Porepunkah aufsuchen, eröffnet er plötzlich das Feuer. Im Kugelhagel sterben zwei Polizisten, ein dritter wird schwer verletzt. Filby - oder Freeman, wie er sich nennt - flüchtet mit mehreren Schusswaffen ins Dickicht des angrenzenden Waldes. Seither ist er spurlos verschollen - und eine ganze Region in Angst. «Dieser Typ ist gemeingefährlich», warnte Australiens Premierminister Anthony Albanese im öffentlichen Rundfunk. «Er ist auf der Flucht und wir wollen, dass er gefasst wird.» Polizeichef Mike Bush sprach von einem «sehr gefährlichen» Mann, der die Beamten «kaltblütig ermordet» habe. Anwohner sollten Zuhause bleiben und extrem vorsichtig sein, Autofahrer niemanden mitnehmen oder die Gegend am besten gleich weiträumig umfahren. In der 1.000-Seelen-Gemeinde Porepunkah am Fuß der australischen Alpen herrscht seit der Bluttat völliger Ausnahmezustand. Statt Touristen sind in der Skisaison überall Streifenwagen und Konvois gepanzerter Fahrzeuge zu sehen. Am Himmel kreisen Polizeihubschrauber und Drohnen, mehr als 450 Polizisten aus mehreren Bundesstaaten sind im Dauereinsatz. Mit ihrer martialischen Ausrüstung, den Schutzwesten und Sturmgewehren sehen manche von ihnen aus wie Soldaten in einem Kriegsfilm. «Wir werfen alles rein», versprach der für Verbrechensbekämpfung in Victoria zuständige Minister Anthony Carbines. Mehrere Hundestaffeln spüren dem momentan wohl meistgesuchten Mann Australiens nach, dessen Konterfei inzwischen landesweit bekannt ist. Doch aus den Schilderungen der Behörden ergibt sich das Bild eines widerstandsfähigen Eigenbrötlers, der genau weiß, wie man in der Natur überleben und zwischen dicht bewaldeten Berghängen abtauchen kann. In dem Gebiet gibt es etliche Höhlen und stillgelegte Minen, die ihm bei winterlicher Witterung und starkem Schneefall als Versteck dienen könnten. Dass sich Filby alias Freeman schon lange vor der Tat aufs Land zurückgezogen hat, dürfte kein Zufall sein. Als «Sovereign Citizen» glaubt er, keinen staatlichen Gesetzen zu unterliegen - und Hunderte Kilometer entfernt von der nächsten Großstadt kann man sich den Strafverfolgern leichter entziehen. Sein Hass auf die Staatsgewalt ist gut dokumentiert: In Medienberichten und Gerichtsdokumenten wird er als vorbestrafter Waffennarr beschrieben, der mit pseudo-juristischen Argumenten gegen den Rechtsstaat aufbegehrt, Polizisten als «neue Gestapo» und «Nazi-Handlanger» beschimpft. Es sind radikale Verschwörungserzählungen wie diese, die das australische Pendant der «Reichsbürger» so gefährlich machen. Zwar kann - ähnlich wie in Deutschland - niemand genau sagen, wie viele Anhänger die Bewegung auf dem riesigen Kontinent hat. Aber der Inlandsgeheimdienst warnt schon seit langem vor dem Erstarken rechtsextremer Gruppen, denen auch die «Sovereign Citizens» zugerechnet werden. Und die zahlreichen Sympathiebekundungen für den Flüchtigen in sozialen Medien sprechen für sich. «Es ist ein echter Grund zur Besorgnis», sagt Regierungschef Albanese. «Diese Bedrohung ist sehr real und wir müssen sehr wachsam sein.» Filbys Ehefrau Amalia, die drei Kinder mit ihm hat und nach der Tat von der Polizei verhört wurde, hält nach eigenen Angaben nichts von Verschwörungserzählungen. In einer schriftlichen Stellungnahme sprach sie den Angehörigen der getöteten Polizisten ihr Beileid aus und äußerte sich «zutiefst bestürzt» über die Tat ihres Mannes. Sie hofft nur noch auf «ein schnelles und sicheres Ende dieser Tragödie». Und flehte ihn an, sich endlich zu stellen: «Bitte, Dezi, wenn du das hier siehst oder hörst, gib auf.»«Dieser Typ ist gemeingefährlich»
Ein Alpendorf im Ausnahmezustand
Tiefsitzender Hass auf die Staatsgewalt
Bildnachweis: © Simon Dallinger/AAP/AP/dpa
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«Bitte gib auf»: Großfahndung nach mordendem «Reichsbürger»
Zwei Polizisten sterben im Kugelhagel, der Schütze flüchtet in die australische Wildnis - und versetzt eine ganze Region in Angst. Der Fall zeigt wachsende Gefahren, die man auch in Deutschland kennt.
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