20. März 2026 / Aus der Welt

Mit Stricknadel und Wollknäuel ins Kino

Über neue Strickmuster plaudern und dann beim Film gemeinsam ran an die Maschen: Strickkinos sind beliebt und vielerorts im Angebot. Was macht den Reiz aus – und verliert man da nicht den Faden?

Welcher Film gezeigt wird, erfahren die Besucherinnen bei dem Kölner Event erst kurz vorher als Überraschung.
Veröffentlicht am 20. März 2026 um 06:00 Uhr

Auf der Kinoleinwand kochen die Emotionen hoch, unten im Saal klappern leise die Stricknadeln. Sämtliche 260 Plätze sind belegt. Frauen allen Alters sind gekommen, dazwischen eine Handvoll Männer. Kleine Leselampen leuchten auf, auch die ein oder andere Stirnlampe. Während Hugh Jackman für Drama und Herzschmerz in «The Greatest Showman» sorgt, lassen Hunderte flinke Hände Socken, Schals oder Pullover anwachsen – Masche für Masche, Reihe für Reihe.

Strickkinos boomen vielerorts 

Strickkinos wie in Köln sind beliebt und unter Namen wie «Maschenkino» oder «Kino und Knäuel» inzwischen in vielen Städten bundesweit im Angebot – etwa in Aachen, Berlin, Bremen, Düsseldorf, Hamburg, Jena, Koblenz, Mannheim, Oldenburg oder Rostock.

Wo liegt der Kick und wer rückt mit Wolle und Nadeln an?

Bevor der Film startet, wird im Residenz-Kino erst mal munter geplaudert. Es geht um Strickmuster, neue Techniken, weitere anstehende Strickevents. Herma (59) aus Krefeld ist begeistert: «Ich stricke gerne in Gesellschaft und bekomme hier viele schöne Tipps.» Auch ihre Freundin Regina arbeitet im Foyer schon fleißig an ihrem Pullunder, bevor es in den Saal geht. 

«Es ist einfach schön, zusammen ein bisschen öffentlich zu stricken», findet Ute (68) und ist gespannt, welcher Film – streng geheim bis zuletzt – wohl gespielt wird. Verliert sie dabei nicht den Faden – entweder bei ihrer Wollsocke oder bei der Film-Story? «Oh nein, Socken kann ich blind stricken.» 

Fürs Strickkino seien eher helle Garne geeignet und keine allzu schwierigen Muster, erläutert Kati Müller, die das Event initiiert hat. «Als Film ist etwas Unterhaltsames gut, gerne mit Musik und Tanz, nicht unbedingt Action.» Sie beobachtet: «Die Strickmädels fühlen sich einfach wohl miteinander, man zeigt sich seine kleinen Werke und genießt dann zusammen einen schönen Film.» 

Branchenverband: Stricken und Häkeln als angesagte Masche 

Der Handarbeitsmarkt ist insgesamt stabil, bei Strick- und Häkelgarnen gibt es ein Plus – um sieben Prozent auf 400 Millionen Euro Umsatz 2025, wie der Branchenverband Initiative Handarbeit berichtet. «Ein wichtiger Faktor für den Boom beim Stricken und Häkeln ist, dass immer mehr junge Menschen das Handarbeiten für sich entdecken», sagt Geschäftsführerin Hedi Ehlen. Und viele zieht es dabei raus aus den eigenen vier Wänden zu Workshops, in Cafés – oder eben Strickkinos. 

Und was motiviert sie? «In unserer Welt, in der wir uns viel mit dem Handy beschäftigen und damit mehr virtuell unterwegs sind, ist es sehr befriedigend, etwas Konkretes in Händen zu halten, das man selber gemacht hat», erläutert Analystin Gabriela Kaiser, die zur europäischen Handarbeitsmesse «Creativa» ab Mittwoch (25. März) in Dortmund einen Trendbericht vorlegt. Zumal es sich um ein individuelles, einzigartiges Werk handele. Schaue man auf die Gesamtbevölkerung, sei das Hobby mit der Wolle aber «eher nischig».

Drei strickverrückte Schwestern 

Die drei Schwestern Katja Mahrt aus Wuppertal, Raphaela Schüler aus dem Westerwald und Jessica Wasser aus Sankt Augustin bei Bonn sind mit Herzblut dabei. Sie haben sich mit Leselämpchen gut ausgerüstet. Raphaela (35) hat sogar noch einen Mini-Ventilator dabei. «Gegen Schwitze-Hände.» Ihre sechs Kinder bestrickt sie gerne mit Mützen und Schals. Warum nicht einfach online bestellen bei so viel Nachwuchs? «Mir ist Qualität wichtig, ich kaufe nur Wolle, die nicht kratzt, mit Merino oder Seide oder Kaschmir.» 

Stricken sei ihr Lieblingshobby, erzählt die mittlere Schwester Jessica (46). «Das entspannt so schön.» Ihr Strickzeug muss immer mit – egal, wohin es geht. Auch Katja, die Wolle in vier Leuchtfarben vor sich ausgebreitet hat, schwört auf Handmade. «Ich bin schon etwas verrückt, ich stricke überall, auch wenn ich mal irgendwo warten muss oder wenn ich an der Kasse stehe.» Im Halbdunkeln während des Films kreativ zu sein – das hat was, findet die Designerin (50).

Zwei Stunden Unterhaltung und «viel geschafft»

Während des Films bleibt an den Seiten das Licht etwas gedimmt. Geboten werden knapp zwei Stunden Musik, Tanz, ein Wechselbad der Gefühle mit viel Romantik. Katja hat ein Tränchen verdrückt. Aber trotzdem fleißig gestrickt, klaro, sagt sie nach dem Film – und präsentiert eine nahezu vollendete Socke. 

Raphaela ist geflasht: «Das war eine tolle Atmosphäre. So viel schöner als alleine Zuhause zu stricken.» Und Jessica strahlt: «Ein wunderbarer Film». Bei all dem turbulenten Treiben auf der Großleinwand ist ihr das Muster mit der Hasen-Figur trotzdem gelungen: «Ich habe viel geschafft und bin fast fertig.»


Bildnachweis: © Roberto Pfeil/dpa
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Polizei schießt am Frankfurter Hauptbahnhof auf Mann
Aus der Welt

Passanten hören Schüsse, ein Mann liegt verletzt am Boden. Am Abend teilt das Landeskriminalamt Hessen mit: Der Angeschossene hatte zuvor einen Polizisten mit einem spitzen Gegenstand verletzt.

weiterlesen...
Hitze und Fußball führen zu Stromausfall in Rüsselsheim
Aus der Welt

Fernseher laufen wegen der WM-Übertragung, Ventilatoren und Klimaanlagen wegen der Hitze. In Rüsselsheim ging deswegen bei vielen Menschen das Licht aus.

weiterlesen...
Leichen von zwei Männern nach Sprung in Bodensee entdeckt
Aus der Welt

Trotz Tauchern, Hubschrauber und Sonar: Zwei Senioren sind nach einem Sprung ins Wasser im Bodensee ertrunken. Wie riskant Baden bei der Hitze werden kann, zeigt ein Blick auf weitere Fälle.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Fall in Stade: Auflagen für Verdächtigen endeten vor Tod
Aus der Welt

Ein Mann soll sechs Menschen erschossen haben, dann stirbt er selbst im Gefängnis. Wie konnte das passieren? Erste Erkenntnisse zu einer fatalen Entscheidung im Gefängnis.

weiterlesen...
Ungewöhnliches System dreier Himmelskörper entdeckt
Aus der Welt

Die Abgrenzung zwischen Stern, Planet und Mond wird bei einem neu entdeckten System schwierig. Brauchen Astronomen eine neue Kategorie für Himmelskörper?

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Fall in Stade: Auflagen für Verdächtigen endeten vor Tod
Aus der Welt

Ein Mann soll sechs Menschen erschossen haben, dann stirbt er selbst im Gefängnis. Wie konnte das passieren? Erste Erkenntnisse zu einer fatalen Entscheidung im Gefängnis.

weiterlesen...
Ungewöhnliches System dreier Himmelskörper entdeckt
Aus der Welt

Die Abgrenzung zwischen Stern, Planet und Mond wird bei einem neu entdeckten System schwierig. Brauchen Astronomen eine neue Kategorie für Himmelskörper?

weiterlesen...