30. Juni 2026 / Aus der Welt

45-Jähriger in U-Haft - Trauer nach Tat in Stade

Ein Termin zum Sorgerecht für ein Baby endet tödlich. Sechs Menschen, die vermitteln und helfen wollten, sterben. Am Tag danach kommt der 45-Jährige in U-Haft.

Blumen und Kerzen stehen und liegen am Tatort.
Veröffentlicht am 30. Juni 2026 um 20:24 Uhr

Einen Tag nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade hat das Amtsgericht Haftbefehl gegen den 45 Jahre alten Tatverdächtigen erlassen. Die Staatsanwaltschaft bewertet die Taten aufgrund des Vorliegens von Mordmerkmalen, insbesondere Heimtücke und niederen Beweggründen, als sechsfachen Mord, hieß es in einer Mitteilung. Der Beschuldigte wurde den Angaben zufolge anschließend in eine JVA gebracht.

«Während eines Hilfeplangesprächs unter Beteiligung mehrerer Mitarbeiter der Einrichtung und des Jugendamtes der Region Hannover soll er plötzlich mit der mitgebrachten Schusswaffe auf die Mitarbeiter geschossen haben, um sie zu töten», schrieb die Staatsanwaltschaft. 

In Bezug auf die beiden Frauen, die zuvor vernommen worden waren - die Mutter der gemeinsamen Tochter und die Fahrerin des Tatverdächtigen - habe die Staatsanwaltschaft keinen Antrag auf Untersuchungshaft gestellt. Sie sind aus dem polizeilichen Gewahrsam entlassen worden, wie es weiter hieß.

Hinweise aus der Bevölkerung aus

Bei der Gewalttat am Montag waren vier Frauen und zwei Männer getötet worden. Nach Behördenangaben handelt es sich bei den Opfern um zwei Frauen und einen Mann aus dem Raum Hannover, die als Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover in der Stader Jugendhilfeeinrichtung waren. Getötet wurden zudem zwei Frauen und ein Mann, die als Mitarbeitende der Stader Jugendhilfeeinrichtung vor Ort waren.

Die Ermittler richteten eine Mordkommission ein. Wegen des Umfangs und der Komplexität des Tatgeschehens sollen die Ermittlungen von der sogenannten MoKo übernommen werden. Ausgewertet werden Hinweise aus der Bevölkerung. Die Polizei bittet Zeuginnen und Zeugen weiter um Fotos und Videos, die im Zusammenhang mit der Tat stehen könnten. Material könne über ein eingerichtetes Hinweisportal hochgeladen werden.

Beamte schossen auf die Reifen des Fluchtwagens

Die Polizei hatte den tatverdächtigen Türken kurz nach der Tat festgenommen. Er versuchte mit einem Auto zu fliehen, das eine 65-Jährige fuhr. Beamte schossen auf die Reifen des Wagens. Nach derzeitigem Erkenntnisstand hat die Frau eine enge Verbindung zur Familie des Tatverdächtigen.

Ermittler suchen am Tatort nach Beweisen

Derweil läuft die Spurensicherung am Tatort weiter auf Hochtouren. Die Schüsse fielen in einem Backsteinhaus, das in einer ruhigen Wohngegend liegt. Nun ist die Lage anders: Die Polizei hat die Straße auf einer Länge von rund 200 Metern gesperrt.

Beamte des Landeskriminalamtes in Schutzkleidung vermessen den Tatort und fertigen spezielle Aufnahmen an. Auf der Straße sind Farbmarkierungen, eine kaputte Mülltonne liegt vor dem Haus. Zahlreiche Medienvertreter sind vor Ort. Der grausame Vorfall im beschaulichen Stade bekommt auch international Aufmerksamkeit.

Immer wieder legen Menschen Blumen ab oder stellen Kerzen auf

An dem Gebäude selbst sind von außen keine Beschädigungen zu sehen, wie ein dpa-Reporter berichtet. Bisweilen kommen Anwohner, die trotz Absperrung zu ihrem eigenen Haus dürfen.

Die Tat sorgt für große Bestürzung. Immer wieder kommen Menschen und legen in der Nähe des Tatortes Blumen ab oder stellen im Gedenken an die Opfer Kerzen auf. Die Straße soll voraussichtlich den gesamten Dienstag gesperrt bleiben.

Am Abend wurde unter großer Anteilnahme in der St.-Wilhadi-Kirche in der Hansestadt der Opfer gedacht. Polizisten, Feuerwehrleute, Angehörige und Kollegen strömten in das rote Backsteingebäude, um in den Stunden nach dem Unfassbaren Trost zu finden. Nicht alle fanden einen Platz. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) sprach sein Mitgefühl aus: «Uns allen ist sehr bewusst: Es wird viel Zeit brauchen, bis diese Wunde langsam heilen kann».

Beratungstelefon für akute Hilfe durch psychosoziale Berater 

Während Ermittler am Dienstag weiter Spuren sichern, läuft auch die Hilfe für jene an, die zurückbleiben. Angehörige, Zeugen, Einsatzkräfte – viele Menschen haben am Montag schreckliche Dinge erlebt, die sich nicht einfach abschütteln lassen. Zahlreiche Menschen sind traumatisiert.

Niedersachsens Landesbeauftragter für Opferschutz, Thomas Pfleiderer, bietet Betroffenen Unterstützung an und lässt über ein kostenloses Beratungstelefon akute Hilfe durch psychosoziale Berater vermitteln. «Wir können nicht ungeschehen machen, welches Leid durch den Akt der Gewalt über so viele Menschen gebracht wurde», sagte Pfleiderer. «Wir können aber nach besten Kräften an der Seite der Betroffenen stehen.»

Was ist bislang über die Tat bekannt? 

Zum Tatvorgang gibt es weiter viele Fragen. Aus ermittlungstaktischen Gründen sagte die Polizei bisher nicht, um welche Schusswaffe es sich handelt – oder wie der Täter an sie herankam. Eine Erlaubnis zum Besitz von Waffen hat der 45-Jährige nach Angaben der Behörden nicht. Demnach war er polizeilich bekannt. Laut Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol galt er aber nicht als «absolut gewalttätig».

Die 34-jährige Mutter des Kindes und deren drei Monate alte Tochter – das Kind des Tatverdächtigen – blieben bei der Tat unverletzt. Die Polizei befragte die Frau, das Baby wurde in die Obhut des Jugendamtes übergeben.


Bildnachweis: © Jörn Hüneke/dpa
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