27. Juni 2025 / Aus der Welt

Was Unwetterwarnungen können - und was nicht

Stürme und Gewitter können immer noch überraschen, manchmal sogar mit tödlichen Folgen. Warum ist das so? Wer davor warnt - und wie präzise solche Hinweise überhaupt sein können.

In Berlin führte jüngst ein Sturm zu zahlreichen Schäden. Eine Frau starb.
Veröffentlicht am 27. Juni 2025 um 05:00 Uhr

Wettervorhersagen sind heute viel präziser als noch vor wenigen Jahren. Doch sie haben weiter ihre Grenzen - auch mit Blick auf Unwetterwarnungen. 

Welche Wetterlagen sind für Meteorologen die härtesten Nüsse? 

«Die größte Herausforderung im Sommer sind lokale Extreme, die mit Gewittern verbunden sind. Diese sind unheimlich schwer vorhersagbar», sagt Franz-Josef Molé, Leiter der Vorhersage- und Beratungszentrale beim Deutschen Wetterdienst (DWD).

Im Winter sei dagegen Glättebildung die härteste Nuss. «Die Schwierigkeit bei Gewittern ist, dass es von sehr kleinen Unterschieden abhängt, ob sie harmlos ablaufen oder gravierende Schäden verursachen», ergänzt der Meteorologe. 

Warum sind Gewittervorhersagen eigentlich so kniffelig? 

«Wenn ein Gewitter pulsiert, ist das wie in einem Kochtopf, in dem Blasen hochschießen. Es ist kaum möglich zu sagen, welcher Ort genau betroffen sein wird», erläutert Molé.

Bei der Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 hätten Gewitter zum Beispiel auch eine entscheidende Rolle gespielt. «Sie sind als Reste in dieses riesige Regengebiet hineingezogen. Durch die zusätzlichen Starkregenfälle sind die Wassermassen dann auf den ohnehin schon völlig übersättigten Böden sofort in die Täler geströmt.»

Oft gebe es auch eine Kombination von Gewittern, die in Stürmen eingelagert seien. «Auch das macht die Situation dann wirklich brenzlig.» 

War das Unwetter, das jüngst Berlin traf, vorhersehbar?

«Ja. Da war die Gefahr von Windstärke 11 bereits einen Tag vorher erkennbar», berichtet Molé. Schon Windstärke 10 bedeutet 100 Kilometer pro Stunde. «Ein Baum mit Laub muss dann zum Beispiel in einer Böe 50 Kilogramm Windlast pro Quadratmeter aushalten. Bei der Fläche eines großen und breiten Baums wirkt dann so viel Kraft - da halten die nicht Stand.»

In Berlin ist am Montag eine Frau gestorben, weil ein Baum auf ein Auto fiel. Trotzdem gab es vorher keine Unwetterwarnung über die DWD-App.

Wieso warnte die DWD-App nicht - und kommt das öfter vor? 

Die Abwägung für eine Unwetterwarnung mit all ihren Folgen für den Katastrophenschutz sei nie leicht, sagt Molé. «Unser Kollege war an diesem Tag machtlos», ergänzt er. «Das Gewitter, das auf Berlin zuzog, hat sich vor der Stadt abgeschwächt. Bei solch einer Tendenz hätte niemand die Unwetter-Karte gezogen.»

Der Sturm sei dann in der Tat ohne Blitz und Donner über die Hauptstadt gezogen. «Aber ausgerechnet ohne zusätzliche Gewitteraktivität waren die Böen dann völlig überraschend noch stärker als vorher mit Gewittern kalkuliert. Das war also wider sämtlicher Berechnungen und Erfahrungen.» 

Wäre es nicht besser, immer vorsorglich vor Unwettern zu warnen?

Der Nachteil, wenn man zu oft warne, sei ein Verlust von Glaubwürdigkeit, sagt Molé. «Wir ziehen zum Beispiel erst ab Windstärke 10 die Unwetterkarte.» Es gebe aber vor diesem Level präventive Hinweise wie: schwerer Sturm oder Orkanböen nicht ausgeschlossen.

Die Entscheidung für Unwetterwarnungen bei lokalen Ereignissen sei für große Städte schwieriger, weil oft nur einzelne Stadtteile betroffen sind. «Manchmal ist es gar nicht sicher, ob überhaupt etwas passiert. Wenn wir dann präventiv eine Unwetterwarnung herausgeben, haben wir viele Menschen umsonst gewarnt - und das ist auf die Dauer auch schädlich», sagt Molé. 

Fühlen wir uns zu sicher - während die Natur unberechenbar bleibt?

«So ist es», antwortet Molé. Deutschland habe eine hervorragende Infrastruktur und der Katastrophenschutz sei sehr gut aufgestellt. «Wir wiegen uns aber zu sehr in Sicherheit bei allem, was da möglich ist - wenn Hänge zum Beispiel abrutschen. Und wer nie erlebt hat, wie es ist, bei Starkregen unter Lebensgefahr aus dem Wasser herauszukommen - der kann sich das einfach oft nicht vorstellen.»

Wichtig sei es, im Alltag aufmerksam auf Wetterlagen zu achten. «Das gilt jetzt auch schon für extreme Hitze und Waldbrände», warnt Molé. Infos dazu gibt es etwa auf dem neuen Naturgefahrenportal im Internet. Das enthält neben aktuellen Warnungen auch anderer Behörden Ratschläge für eine sinnvolle Vorsorge im Fall von Unwettern.

Hilft Künstliche Intelligenz dabei, Vorhersagen weiter zu präzisieren?

Der DWD arbeitet bereits mit Künstlicher Intelligenz (KI) - von den Wetterbeobachtungen bis hin zu Modell-Simulation. «In Einzelfällen mag die KI besser sein, in der Gesamtheit der Meteorologen national und weltweit eher nicht», urteilt Molé.

So habe sich ein bekanntes US-Unternehmen gerühmt, sein KI-Modell könne die Zugbahnen von Wirbelstürmen besser vorhersagen. «Dummerweise sind die Intensitäten dieser Stürme aber zum Teil schlecht simuliert», kritisiert der Meteorologe.

Die Mitarbeitenden im Wettervorhersage- und Warndienst hätten den Vorteil, dass sie durch ihre Erfahrung mehr wüssten als die KI. Die sei dafür zum Beispiel bei der Kombination von Wetterdaten, Umweltdaten und Baumbeständen unschlagbar. «Aber was das alles wiederum für Auswirkungen hat, kann ein Meteorologe sicher verständlicher formulieren - vor allem auch für den Katastrophenschutz und die Öffentlichkeit.»


Bildnachweis: © Michael Kappeler/dpa
Copyright 2025, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Polizei schießt am Frankfurter Hauptbahnhof auf Mann
Aus der Welt

Passanten hören Schüsse, ein Mann liegt verletzt am Boden. Am Abend teilt das Landeskriminalamt Hessen mit: Der Angeschossene hatte zuvor einen Polizisten mit einem spitzen Gegenstand verletzt.

weiterlesen...
Hitze und Fußball führen zu Stromausfall in Rüsselsheim
Aus der Welt

Fernseher laufen wegen der WM-Übertragung, Ventilatoren und Klimaanlagen wegen der Hitze. In Rüsselsheim ging deswegen bei vielen Menschen das Licht aus.

weiterlesen...
Leichen von zwei Männern nach Sprung in Bodensee entdeckt
Aus der Welt

Trotz Tauchern, Hubschrauber und Sonar: Zwei Senioren sind nach einem Sprung ins Wasser im Bodensee ertrunken. Wie riskant Baden bei der Hitze werden kann, zeigt ein Blick auf weitere Fälle.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Deutsche Bahn will Alkohol an allen Bahnhöfen verbieten
Aus der Welt

«Genug ist genug», sagt Bahnchefin Palla. Bis zum Herbst soll es auf allen Bahnhöfen verboten sein, Bier, Wein, Schnaps oder anderen Alkohol zu trinken. Die Bahn hofft auf mehr Ordnung und Sicherheit.

weiterlesen...
Frühchen haben gute Chancen auf erfülltes Leben
Aus der Welt

Früher hätten diese Kinder keine große Chance gehabt. Dank moderner Medizin überlebten sie, und die meisten können nun ein gutes Leben führen. Doch einige haben Probleme.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Deutsche Bahn will Alkohol an allen Bahnhöfen verbieten
Aus der Welt

«Genug ist genug», sagt Bahnchefin Palla. Bis zum Herbst soll es auf allen Bahnhöfen verboten sein, Bier, Wein, Schnaps oder anderen Alkohol zu trinken. Die Bahn hofft auf mehr Ordnung und Sicherheit.

weiterlesen...
Frühchen haben gute Chancen auf erfülltes Leben
Aus der Welt

Früher hätten diese Kinder keine große Chance gehabt. Dank moderner Medizin überlebten sie, und die meisten können nun ein gutes Leben führen. Doch einige haben Probleme.

weiterlesen...